Arbeitswelt
IAB-Bericht: Erstmals seit Langem wieder mehr Arbeitslose pro offene Stelle
Erwerbstätigenzahl weiter deutlich unter Vorkrisenniveau
Unternehmen
Ford startet Ausbau seines Electrification-Centers
Konjunktur
Wolf: Über 200.000 Jobverluste in der M+E-Industrie seit 2019
M+E-Konjunktur im zweiten Quartal 2021: Erholung vorerst ins Stocken geraten
IW: Kleine Zulieferer verlieren bei E-Autos den Anschluss
Wirtschaftspolitik
Bund fördert öffentliche Ladeinfrastruktur mit 500 Millionen
Einigung auf verlängerte Aussetzung der Insolvenzantragspflicht
Börner wirft Kanzlerkandidaten fehlenden Mut in Handelsfragen vor
Klimapolitik
Scholz lehnt früheren Kohleausstieg ab
Sozialpolitik
IW: Vage Reformpläne der Parteien und hohe Kosten für die Rentenversicherung
Arbeitswelt
IAB-Bericht: Erstmals seit Langem wieder mehr Arbeitslose pro offene Stelle
Mit Beginn der Covid-19-Pandemie hat das Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen erstmals seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 wieder deutlich zugenommen, wobei insbesondere Helfertätigkeiten betroffen waren, berichtet das IAB in einer aktuellen Analyse. Für Fachkraft-Tätigkeiten mit beruflichem oder akademischem Abschluss lag das Verhältnis mit 1,3 Arbeitslosen pro offener Stelle im vierten Quartal 2020 nur leicht über dem im Vorjahresquartal beobachteten Niveau. Die wachsende Relation von Arbeitslosen pro Stelle spiegelt sich nach IAB-Beobachtung in der Entwicklung des vorherigen Erwerbsstatus neu eingestellter Personen wider: Hatten Betriebe bis vor der Covid-19-Rezession bei der Besetzung offener Stellen zunehmend um bereits beschäftigte Personen konkurriert, setzt sich dieser Trend im Jahr 2020 zumindest nicht weiter fort. „Zudem berichten die Betriebe verglichen mit den Vorjahren von weniger Stellenbesetzungsschwierigkeiten, einer kürzeren ungeplanten Vakanzzeit und weniger häufigen Kompromissen hinsichtlich der Entlohnung“, berichtete IAB-Forscherin Gürtzgen. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass sich mit dem zugenommenen Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen Suchprozesse am Arbeitsmarkt zugunsten der Betriebe und zuungunsten der Arbeitsuchenden verändert haben. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass Betriebe weiterhin für einen beträchtlichen Anteil an Neueinstellungen von Stellenbesetzungsschwierigkeiten berichten und Kompromisse bei der Besetzung offener Stellen eingehen. Zudem haben nicht alle Betriebe von den günstigeren Bedingungen bei Stellenbesetzungen in gleichem Maße profitiert. „So verzeichnen vor allem die Branchen mit einem hohen Anteil an Kurzarbeit Rückgänge in den Neueinstellungen“, erklärte IAB-Forscher Kubis. (Quelle: IAB, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Erwerbstätigenzahl weiter deutlich unter Vorkrisenniveau
Der mit dem Ende vieler Corona-Auflagen verbundene Frühjahrsaufschwung hat die Zahl der Beschäftigten nur leicht steigen lassen: Im zweiten Quartal waren rund 44,7 Millionen Personen mit Arbeitsort in Deutschland erwerbstätig, das waren saisonbereinigt 75.000 oder 0,2 Prozent mehr als im Vorquartal, berichtet das Statistische Bundesamt. Im ersten Vierteljahr hatte es noch einen Rückgang um 43.000 gegeben. Das Beschäftigungsniveau blieb weiterhin deutlich unter dem Vorkrisenniveau: Von April bis Juni waren 1,2 Prozent oder 564.000 Personen weniger erwerbstätig als Ende 2019 vor Beginn der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie. Verglichen mit dem 2. Quartal 2020 blieb die Zahl der Erwerbstätigen im 2. Quartal 2021 nahezu unverändert (plus 4.000 Personen; 0,0 Prozent). Der Beschäftigungsrückgang im Vorjahresvergleich hat sich damit nicht weiter fortgesetzt, nachdem die Veränderungsrate gegenüber dem Vorjahreszeitraum im 1. Quartal 2021 noch bei minus 1,5 Prozent gelegen hatte. Im 2. Quartal 2021 das Produzierende Gewerbe (ohne Baugewerbe) einen Rückgang der Erwerbstätigenzahl gegenüber dem Vorjahr um 124.000 Personen oder 1,5 Prozent.
Die Zahl der durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden je erwerbstätiger Person erhöhte sich nach ersten vorläufigen IAB-Berechnungen im 2. Quartal 2021 im Vergleich zum Vorjahresquartal kräftig um 6,8 Prozent auf 316,2 Stunden. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen – also das Produkt aus Erwerbstätigenzahl und geleisteten Stunden je erwerbstätiger Person – erhöhte sich aufgrund von Basiseffekten und dem Rückgang der Kurzarbeit im gleichen Zeitraum ebenfalls um 6,8 Prozent auf 14,1 Milliarden Stunden. (Quelle: destatis, Reuters, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Unternehmen
Ford startet Ausbau seines Electrification-Centers
Der Autohersteller Ford beginnt auf dem Kölner Werkgelände mit der Umgestaltung für den Bau eines „Electrification Centers“. Erste Bagger haben dafür ein ehemaliges Lager abgerissen, an dessen Stelle ein neues High Tech-Gebäude speziell für die Vorbehandlung von Rohkarossen entstehen soll. Der Abriss wurde notwendig, da für die Produktion des zukünftigen rein batterie-elektrischen Volumenmodells von Ford neue Anlagen erforderlich sind. Der Abbruch des alten Gebäudes wurde eigens in die Zeit des Werkurlaubes gelegt, damit der Abtransport der mehr als 5.000 Kubikmeter Schutt nicht die Logistik während der laufenden Produktion behindert. Das neue Gebäude muss nun zügig errichtet werden, damit schon im kommenden Jahr mit der Installation der Anlagen teils berschneidend mit den Fassadenarbeiten begonnen werden kann. Köln ist das erste Werk in
Europa, in dem Elektrofahrzeuge vom Band laufen. (Quelle: Ford, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Konjunktur
Wolf: Über 200.000 Jobverluste in der M+E-Industrie seit 2019
Die M+E-Industrie hat infolge der Corona-Krise und dem Wandel zu mehr Klimaschutz Beschäftigungsverlust zu verzeichnen, der weiter andauern wird. "Seit der Rezession 2019 sind mehr als 200.000 Arbeitsplätze in der Metall- und Elektroindustrie bereits verloren gegangen", sagte Gesamtmetall-Präsident Wolf. Auch in diesem Jahr setze sich der Beschäftigungsrückgang in abgeschwächter Form fort. Alarmiert zeigte sich Wolf von der Flutkatastrophe in Deutschland und den Waldbränden in Südeuropa. "Wer jetzt noch glaubt, dass es keinen Klimawandel gibt, der ist nicht von dieser Welt. Wir müssen Lösungen finden", mahnte Wolf. Bis die M+E-Industrie klimaneutral ist, wird es aber wohl noch dauern. "Zwischen 2040 und 2050 können wir klimaneutral werden. Einen früheren Zeitpunkt halte ich nicht für realistisch", sagte Wolf. Für dieses Vorhaben sei es wichtig, ausreichend grünen Strom zur Verfügung zu haben. Eine klare Absage erteilte der Gesamtmetall-Präsident einem möglichen Verbrennerverbot ab 2030: "Wir in Deutschland müssen umweltfreundliche Technologien entwickeln, die wir in Länder mit einem viel höheren CO2-Ausstoß exportieren können. Wenn wir noch 20 Jahre gutes Geld mit dem Verbrennungsmotor verdienen können und dieses Geld in die Forschung und Entwicklung in umweltfreundliche Technologien investieren, dann kommen wir weiter als mit Verboten." Schon heute seien die Verbrennermotoren besser für die Umwelt als Technik, die in anderen Ländern genutzt werde. (Quelle: Dow Jones, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
M+E-Konjunktur im zweiten Quartal 2021: Erholung vorerst ins Stocken geraten
Die wirtschaftliche Erholung der M+E-Industrie hat sich im zweiten Quartal verlangsamt: Während die weltweite Nachfrage nach M+E-Produkten weiter deutlich zulegt, wird die Produktion durch fehlende Teile und Materialknappheit ausgebremst. Sie sank nach Daten des Statistischen Bundesamtes um 1,5 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Damit ist die Erholung der M+E-Industrie vorerst ins Stocken geraten. „Rund 75 Prozent der M+E-Unternehmen gaben im Juli an, durch Materialknappheit in der Produktion behindert zu werden“, erläuterte Gesamtmetall-Chefvolkswirt Stahl. Es fehle an Halbleitern ebenso wie an Stahl und Kunststoffen. Der Rückgang in der Produktion im zweiten Quartal treffe vor allem den Fahrzeugbau mit minus 9,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auch im Maschinenbau (minus 1,3 Prozent) sei die Produktion unter dem Niveau des ersten Quartals geblieben, während die Elektroindustrie um 2,7 Prozent zulegen konnte. Die schwache Produktion trifft auf eine seit Monaten erfreulich starke Nachfrage. Im zweiten Quartal stiegen die Auftragseingänge um 5,2 Prozent gegenüber dem ersten Quartal und lagen sogar über dem Vor-Rezessionsniveau von 2018. Zu einer unverändert starken Auslandsnachfrage (plus 3,5 Prozent) kommt eine immer stärker anziehende Inlandsnachfrage (plus 7,8 Prozent). Das Ergebnis sind gut gefüllte Auftragsbücher: Im Juli deckte der Auftragsbestand der M+E-Unternehmen 4,5 Monate ab. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die Auftragseingänge im ersten Halbjahr 2021 um 33,0 Prozent und erholten sich damit wesentlich besser als die Produktion, die nur um 10,8 Prozent über dem Niveau des Vorjahreszeitraums lag. „Die aktuellen Zahlen spiegeln das anhaltende Auseinanderklaffen von Nachfrage und Produktion wider“, führte Stahl aus: „Die M+E-Unternehmen profitieren bei den Auftragseingängen einerseits von einer starken globalen Nachfrage. Andererseits hat die rasche konjunkturelle Erholung zu einer Nachfrage an Rohstoffen und Vorleistungsgütern geführt, die noch nicht vollständig bedient werden kann. Die aktuellen Produktionsbehinderungen sind die Folge. Wir gehen davon aus, dass die Materialknappheit und damit die Produktionsbehinderungen noch bis ins zweite Halbjahr hineinreichen werden.“ In der Beschäftigung deutet sich eine Trendwende an: Zwar ging die Zahl der Beschäftigten auch im Mai leicht zurück auf zuletzt etwa 3,8 Millionen, das sind 3,0 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Beschäftigungspläne der Unternehmen deuten aber darauf hin, dass sie wieder vermehrt einstellen und der Abbau im dritten Quartal ausläuft. Entspannung gibt es auch bei der Kurzarbeit: Nach 1,5 Millionen M+E-Beschäftigten in Kurzarbeit im Mai 2020 rechnet Gesamtmetall auf der Basis von Prognosen des ifo Instituts München für Juli 2021 noch mit rund 206.000. (Quelle: Gesamtmetall, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
IW: Kleine Zulieferer verlieren bei E-Autos den Anschluss
Einer neuen IW-Auswertung zufolge steigt bei kleineren Automobilzulieferern die Zahl der Patentanmeldungen zu Elektroantriebssträngen kaum, während die großen Zulieferer schon heute mehr elektrische als konventionelle Neuerungen erfinden. "Der Technologiewandel in den Forschungsabteilungen der Großunternehmen ist längst in vollem Gange, doch die kleinen Zulieferer kommen nicht hinterher", erklärte das IW, das die Patentanmeldungen der Autoindustrie in Deutschland mit Bezug zum elektrifizierten Antriebsstrang ausgewertet hat. Die großen deutschen Pkw-Hersteller entwickelten bereits seit 2015 zunehmend am elektrischen Antriebsstrang; die Zahl ihrer Patente in dem Bereich sei seitdem stark gestiegen und 2017 hätten sie erstmals mehr Elektro-Patente angemeldet als konventionelle, so das IW. Auch die fünf umsatzstärksten Zulieferer steuerten "klar in eine Zukunft mit Null-Emissionen". Bei ihnen lag der Anteil des klassischen Antriebstrangs an den Patentanmeldungen 2018 laut IW zwar noch 2,5-mal so hoch wie beim elektrischen, doch der Abstand schrumpfe schnell, da die Zahl der konventionellen Patentanmeldungen sinke und die für den elektrischen Antriebsstrang steige. Bei den anderen Zulieferern hingegen liege der Anteil des konventionellen Antriebsstranges bei den Patentanmeldungen noch immer rund 3,5-mal höher als beim elektrischen Antrieb und steige kaum. Erschwerend komme hinzu, dass nur wenige der kleinen Unternehmen überhaupt am Elektroantrieb forschten: 2018 waren hier laut IW lediglich 37 Unternehmensgruppen mit Patentanmeldungen aktiv, während für den konventionellen Antriebsstrang 126 Unternehmensgruppen Patente anmeldeten. "Sollten die Unternehmen es nicht schaffen, ihre Forschung und Entwicklung zukunftsfähig zu machen, müssen sie in den nächsten zehn Jahren mit einem deutlichen Geschäftsrückgang und perspektivisch mit dem Verschwinden ihres Absatzmarktes rechnen", warnte das Institut. (Quelle: IW, Dow Jones, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Wirtschaftspolitik
Bund fördert öffentliche Ladeinfrastruktur mit 500 Millionen
Das Bundesverkehrsministerium hat den ersten Aufruf einer neuen Förderrichtlinie für mehr öffentliche Ladeinfrastruktur für Elektroautos gestartet. Das Ministerium teilte mit, bis Ende 2025 würden insgesamt 500 Millionen Euro für den weiteren Aufbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur in Deutschland zur Verfügung gestellt. Ziel sei es, mindestens 50.000 Ladepunkte und davon mindestens 20.000 Schnellladepunkte zu errichten. Ab dem 31. August können Unternehmen, Städte und Gemeinden, öffentliche Einrichtungen und Privatpersonen Anträge stellen. Mit zunächst 190 Millionen Euro soll der Aufbau von rund 18.000 weiteren öffentlichen Ladepunkten unterstützt werden; je 9.000 Normalladepunkte mit maximaler Ladeleistung bis zu 22 Kilowatt und DC-Schnellladepunkte mit maximaler Leistung über 22 Kilowatt. Gefördert werden laut den Angaben bis zu 60 Prozent der förderfähigen Kosten. Die Säulen müssen öffentlich zugänglich sein und mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden. Anträge können bis zum 18. Januar 2022 gestellt werden. Weitere Förderaufrufe sollen noch dieses Jahr folgen. (Quelle: Dow Jones, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Einigung auf verlängerte Aussetzung der Insolvenzantragspflicht
Die Bundestagsfraktionen von Union und SPD haben sich darauf verständigt, die vom Juli-Hochwasser geschädigten Unternehmen länger als bisher geplant von der Insolvenzantragspflicht zu befreien. Die bei drohender Zahlungsunfähigkeit bestehende Pflicht zur Stellung eines Insolvenzantrags wird demnach bis Ende Januar 2022 ausgesetzt und nicht wie ursprünglich vom Bundeskabinett vorgesehen nur bis Ende Oktober. Darüber hinaus wird die Möglichkeit eingeräumt, diese Frist ohne weitere Zustimmung des Parlaments bis Ende April zu verlängern. Die entsprechende Regelung muss noch vom Bundestag beschlossen werden. Die erste Lesung ist für die Sondersitzung am Mittwoch der kommenden Woche vorgesehen. Unklar ist, ob das Gesetz noch am gleichen Tag verabschiedet wird oder erst in einer weiteren Plenarsitzung am 7. September. (Quelle: dpa, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Börner wirft Kanzlerkandidaten fehlenden Mut in Handelsfragen vor
BGA-Präsident Börner hat den Kanzlerkandidaten von Union, SPD und Grünen fehlendes Engagement zur Beilegung des internationalen Handelskriegs, insbesondere zwischen den USA und China vorgeworfen. "Alle drei Kandidaten eint, dass sie nicht den Mut haben, unser derzeit größtes Problem entschlossen anzugehen", bemängelte Börner. Die Europäer seien ein Volk von "satten Illusionisten und Gutmenschen" geworden. Der BGA-Präsident forderte, dass die Regierungschefs der großen Länder in der EU um Deutschland, Frankreich oder Spanien sich zusammentun und klar sagen müssen, dass man mit "bitte, bitte" nicht mehr weiterkomme. Börner fordert sowohl ein militärisches Aufrüsten als auch ein Aufrüsten mit Blick auf Cyberangriffe. Die Prognosen des Außenhandelspräsidenten für die deutsche Wirtschaft sind ansonsten düster. "Deutschland wird in eine nachhaltige Rezession hineinsteuern, wenn jetzt nichts passiert", fürchtet Börner. Dann würden die Renten genauso wenig wie die Leistungen aus der Arbeitslosen- oder Krankenversicherung noch sicher sein. (Quelle: Dow Jones, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Klimapolitik
Scholz lehnt früheren Kohleausstieg ab
SPD-Kanzlerkandidat Scholz ist gegen ein Vorziehen des Kohleausstiegs in Deutschland. "Wir haben klare Vereinbarungen getroffen, die wichtig sind für die Unternehmen, für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auch für die Region. Und diese Vereinbarungen gelten und sollten auch eingehalten werden", sagte Scholz. Dazu gehöre auch, dass der Bund 40 Milliarden Euro einsetzen werde, um den Strukturwandel der Kohleregionen in Deutschland zu begleiten. Der SPD-Kandidat forderte Tempo, um die Voraussetzungen für mehr Öko-Energien zu schaffen: "Aus meiner Sicht, ist die größte Gefahr, dass wir nicht schnell genug dabei sind, die neuen Möglichkeiten der Energieerzeugung zustande zu bringen." Wenn das Stromnetz nicht ausreichend ausgebaut sei oder nicht genug neue Anlagen errichtet seien, könne es sein, dass der herkömmliche Betrieb einige Jahre fortgesetzt werde: "Das kann nur vermieden werden, wenn gleich im ersten Jahr der neuen Legislaturperiode all die richtigen Entscheidungen getroffen werden über höhere Ausbauziele, was die Stromerzeugung betrifft und einen stärkeren Ausbau des Stromnetzes."
Grünen-Kandidatin Baerbock kritisierte Scholz‘ Absage an einen früheren Ausstieg aus der Kohleverstromung scharf: "Ein Kohleausstieg 2038 ist mit dem deutschen Klimaziel nicht vereinbar. Wenn Olaf Scholz daran festhält, nimmt er bewusst in Kauf, dass Deutschland sein vertraglich vereinbartes Klimaziel verfehlt." Baerbock forderte einen "klimapolitischen Aufbruch", zu dem ein vorgezogenes Ende von Kohlekraft gehöre. Um Kohle unattraktiver zu machen und vom Markt zu verdrängen, seien "ehrliche Preise" nötig, sagte Baerbock. Konkret bedeute das, einen nationalen Mindestpreis beim Emissionshandel einzuführen, der bei 60 Euro pro Tonne CO2 beginnen müsse. Gleichzeitig drängte Baerbock auf einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien: "Jahrelang hat die Regierung aus CDU/CSU und SPD diesen Ausbau blockiert und dadurch sehenden Auges zugelassen, dass zehntausende Arbeitsplätze in der Erneuerbaren Branche den Bach runter gegangen sind." (Quelle: dpa, M+E-Newsletter Gesamtmetall)
Sozialpolitik
IW: Vage Reformpläne der Parteien und hohe Kosten für die Rentenversicherung
Die gesetzliche Rentenversicherung steht vor erheblichen Herausforderungen. Der demografische Wandel und der Renteneintritt geburtenstarker Jahrgänge zwingen die Politik zum Handeln. Vor der Bundestagswahl stellen die Parteien unterschiedliche Rentenreformpläne vor. Das IW hat die Vorschläge analysiert. Eine der größten Aufgaben der nächsten Bundesregierung wird es sein, die gesetzliche Rente zu stabilisieren. Die zentrale Herausforderung ist dabei der demografische Wandel: Zum einen verlängert sich die Dauer des Rentenbezuges, weil die Menschen immer älter werden, zum anderen geht die geburtenstarke Babyboomer-Generation in den nächsten Jahren in Rente. Gleichzeitig wird die Zahl der Beitragszahler zurückgehen. In einer Studie hat das IW unlängst prognostiziert, dass der Beitragssatz zur Rentenversicherung bis 2060 von 18,6 auf 23,6 Prozent zulegen würde, während das Sicherungsniveau von gut 49 auf rund 44 Prozent des Bruttoeinkommens sinkt, wenn es keine umfassenden Reformen gibt. Strategien dafür, wie diese Reformen aussehen könnten, haben die Parteien vage in ihren Wahlprogrammen skizziert: Union und FDP wollen die bestehende Form der Alterssicherung grundsätzlich beibehalten, die Liberalen fordern jedoch mehr Flexibilität bei den grundlegenden Stellschrauben sowie den Aufbau eines Kapitalstocks. Inhaltliche Gemeinsamkeiten gibt es bei SPD, Grünen und Linke. Allen drei Entwürfen fehlt allerdings die langfristige Lösungsperspektive: Das Festhalten von SPD und Grünen an einem Sicherungsniveau von 48 Prozent hält das IW für ein unrealistisches Versprechen. „Damit würden nachfolgende Generationen zusätzlich belastet“, warnt IW-Rentenexperte Pimpertz. Wenn die Rentnerzahl steigt, führt ein generöses Leistungsversprechen zu noch höheren Lasten. Da hilft auch kein höherer Bundeszuschuss, weil die notwendigen Steuergelder am Ende trotzdem vom Steuerzahler kommen müssen. Keine Lösung der Probleme sieht das IW in der Idee, jüngere Beamte und Selbstständige in die Rentenkasse einzahlen zu lassen. Das entlaste die Rentenversicherung zwar kurzfristig, bedeute aber auch zusätzliche Anwartschaften in der Zukunft, welche dann wieder anderweitig finanziert werden müssen. „Langfristig führt kein Weg an einer weiter steigenden Altersgrenze vorbei“, sagte Pimpertz. Diese Notwendigkeit attestiere allerdings nur die FDP im Wahlprogramm, alle anderen Parteien blenden das bei Wählern unliebsame Thema aus. (Quelle: IW, M+E-Newsletter Gesamtmetall)