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Ifo-Präsident Fuest erwartet noch Monate mit Lieferproblemen

Beim Saarländischen Unternehmertag war Ifo-Präsident Clemens Fuest als Festredner zu Gast. In seinem Vortrag zeichnete er ein umfassendes Bild der Konjunktur in Deutschland.

Der Präsident des ifo-Instituts, Professor Clemens Fuest, erwartet noch mindestens sechs Monate mit erheblichen Störungen in den Lieferketten. „Aktuell klagen 70 Prozent der Unternehmen in der Verarbeitenden Industrie über Materialknappheit“, sagte Fuest beim Unternehmertag der Saarländischen Wirtschaft im Saarbrücker Schloss. Wie dramatisch diese Zahl ist, zeige ein Vergleich mit früheren Krisen. Bisher lag das Maximum bei 20 Prozent, die unter Materialknappheit litten. Und die Knappheit bezieht sich bei Weitem nicht nur auf die Halbleiter, deren Ausbleiben gerade die gesamte Autoindustrie lähmt. Es herrscht Mangel an allen Fronten: Stahl, Holz, Kunststoffe, Kupfer, elektronische Bauteile oder Aluminium sind nur die größten Baustellen.  Die Lieferprobleme haben auch dafür gesorgt, dass die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr deutlich schlechter ausfällt als erwartet. Noch im Juni war das ifo-Institut von einem Wachstum von 3,3 Prozent ausgegangen – jetzt sind es nur noch 2,4 Prozent. Und auch die höhere Prognose von 4,8 Prozent, die aktuell für das Jahr 2022 im Raum steht, sei mit Vorsicht zu genießen, sagte Fuest. „In diese Prognose geht die Annahme ein, dass im Laufe des Jahres bei den Vorprodukten wieder eine Normalisierung eintritt. Ob das so läuft, ist aber unsicher“, sagte er. Es könne sein, dass auch diese Zahl revidiert werden müsse.

Fuest betonte in seiner Rede die Bedeutung privater Investitionen für die Gesundung der Wirtschaft. Private Investitionen, so der Ifo-Präsident, machen ein Vielfaches der staatlichen Ausgaben aus. „Die Zukunft des Landes entscheidet sich an den privaten Investitionen“, sagte er. Deshalb sei es auch falsch, eine Politik zu verfolgen, bei der Privatinvestoren beispielsweise über eine Vermögenssteuer vergrault werden, um deren Engagement durch öffentliche Gelder zu ersetzen. Der Schaden, der dadurch entstehe sei weit höher als der Nutzen.

Ein wenig optimistisches Bild zeichnete Fuest für die bevorstehende Dekarbonisierung. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre habe Deutschland zwar den CO2-Ausstoß zwar um über 20 Prozent senken können, das sei aber vor allem gelungen, weil viele der DDR-Betriebe geschlossen wurden. „Wenn man es mal genau betrachtet, haben wir nicht viel erreicht.“ Und der Plan, nun innerhalb von acht Jahren den Ausstoß noch einmal fast zu halbieren, erscheine vor diesem Hintergrund wenig realistisch: „Wir haben dafür noch acht Jahre, das ist die Zeit, die manche Planungs- und Genehmigungsverfahren heute benötigen.“ Letztlich gehe es nicht nur darum, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, die Staaten müssten sich auch darauf einstellen, Maßnahmen für die Anpassung an den Klimawandel anzugehen.

Zur Gesundung der Wirtschaft plädierte Fuest für die Einführung beschleunigter Abschreibungen. Das Ifo-Institut hatte als Modell durchgerechnet, wie sich eine Senkung der Steuerbelastung für Unternehmen um fünf Prozentpunkte sowie eine Beschleunigung der Abschreibungen um 60 Prozent auswirken würde. Schnellere Abschreibungsmöglichkeiten würden zwar kurzfristig das Steueraufkommen senken, langfristig dagegen würden sie dem Staat sogar ein Plus bringen. Gleichzeitig steigen Investitionen, Beschäftigung, Lohnsumme, Konsum und die Wertschöpfung. „Ich weiß keinen Grund, warum die Politik ein solches Modell nicht umsetzen sollte.“

Fuest räumte auch mit dem Vorurteil auf, die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland werde immer größer. „Das war zwischen 1995 und 2005 so. Seitdem ist das Verhältnis aber konstant geblieben. Die verbreitete These, die Schere würde sich immer weiter öffnen, entspricht für die letzten 15 Jahre nicht den Fakten“, sagte er. Was allerdings künftig zu erwarten sei – auch nach den Entwicklungen in der Corona-Krise – sei ein zunehmendes Auseinanderdriften besser ausgebildeter und eher bildungsferner Bevölkerungsgruppen. „Hier können sich die Unterschiede verschärfen“, sagt er.

Das in der Corona-Pandemie stark geförderte Mobile Arbeiten wird nach Ansicht des ifo-Präsidenten künftig eine größere Rolle spielen. „Vor allem im Wettstreit um Fachkräfte werden die Unternehmen nicht umhin kommen, mehr mobiles Arbeiten einzubinden“, sagt er. Schon jetzt sei in Stellenanzeigen zu beobachten, dass es immer häufiger angeboten wird. Diese Dynamik werde nicht mehr zu stoppen sein.

Unternehmertag, Prof. Clemens Fuest
Foto: BeckerBredel